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Liebe Influencer, euer scheiß Strand interessiert mich nicht mehr!

Ich scrolle durch Instagram und sehe den selben Account von einem anderen Mädchen mit dem selben Gesicht, was trotzdem irgendwie so aussieht wie der Rest – eingerahmt in blond-braunen Balayage-Haaren, momentan mit ein bisschen Pony.

Sie erzählt uns, dass das Leben hier auf “der Insel” – ob damit Mallorca, Ibiza, Bali oder die Malediven gemeint sind, spielt eigentlich keine Rolle mehr, der Wahnsinn ist. Sonne, Strand, Meer, Kokosnusscocktails, braune Haut. Der Wahnsinn. Und der View! Wooooow. Einfach so schön.

Wieso Instagram so nicht mehr lange funktionieren wird

Kennt ihr schon das Burger-Prinzip? Nein? Kein Wunder, es kommt ja auch von mir. Und genau deswegen erkläre ich es euch: Stell dir vor, es gibt einen neuen Laden in der Stadt, der die besten Burger macht, die du je gegessen hast. Sie haben alles: Fleisch, vegetarische, sogar vegane Burger. Es ist für absolut jeden etwas dabei, und es ist so so so LECKER. Die Soße ist innovativ und du bist dir sicher, dass du nie was besseres gegessen hast …

Und deswegen gehst du wieder hin. Und wieder. Jeden Tag. Mehrmals. Wie lange geht das gut? Eine Woche? Zwei? Und dann ist selbst das beste Essen, das, was du so gefeiert und so geliebt hast, nicht mehr gut. Es ist faktisch natürlich noch gut, das Essen hat sich nicht verändert – sondern du. Es nervt dich. Es widert dich sogar an. Und du siehst keinen Sinn mehr darin, dort hinzugehen.

Und das ist nicht mit Burgern so, sondern auch mit Liedern. Oder Filmen. Und manchmal sogar Menschen. Zu viel, zu viel, zu viel – und am Ende beginnt es, uns zu nerven. Und wenn es nicht aufhört, dann beginnen wir, es zu hassen. Und wir suchen etwas Neues.

Instagram ist nicht mehr nur blonde Mädchen am Strand von Bali

Man muss sich das mal vorstellen: Influencer fliegen in ein fernes Land, weil sie das von anderen Influencern gesehen haben, um dann dort Bilder von sich zu machen. Sie buchen sich für ein paar STUNDEN inklusive Fotograf ins Hotel ein, reservieren den Tisch mit Meerblick, stylen sich vorher, setzen sich mit einem völlig überladenen Frühstückstisch ans Meer und schwenken ihre lang gelockten Haare – um dann nichts von dem Essen anzurühren (denn mal ehrlich, wer von den Mädels isst mehr als ein Croissant…im Jahr?) und zum nächsten “Place-to-be” zu fahren. Und das alles hat keinen tieferen Sinn außer zu zeigen, wie toll das eigene Leben ist.

Von “Menschen inspirieren” kann hier keine Rede mehr sein, denn sind wir mal ehrlich: Wer sitzt schon mit 90% Luftfeuchtigkeit im 5 Sterne Resort vor einem Frühstückstisch für 10 ganz alleine? Welcher normale Mensch kann sich solche Wahnsinns-Urlaube und Touren leisten? Und wenn man dann das, was man gespart hat, auf den Kopf haut, um die angepriesenen Influencer-Urlaube nachzureisen, entstehen Fotos, die wirklich und ernsthaft die Frage aufwerfen: Wie weit ist das eigentlich alles gekommen? Und machen wir nur noch für uns Urlaub – oder für andere? Nehmen wir eine Auszeit, damit wir uns danach ausgeruht fühlen oder fängt erst im Urlaub die eigentliche Arbeit an, indem wir zeigen müssen, WIE ENTSPANNEND dieser LUXUSurlaub war?

Bild via Mobilegeeks, ursprünglicher Fotograf unbekannt 

Wieso Rotterdam mir die Augen über Thailand geöffnet hat

Als ich letztens in Rotterdam in einem Museum war, habe ich ein Bild von dem Fotografen Cas Oorthuys gesehen – von einer hungernden Frau im zweiten Weltkrieg im von Deutschland besetzten Holland 1944-1945. Das Bild ist eines der berühmtesten von ihm, dabei ist es nicht besonders spektakulär. Man sieht eine Frau in die Leere gucken, ein Stück Brot in der Hand, abbeißend, die Hände dreckig.

Das Bild würde nichts bedeuten, hätte es nicht die Geschichte des Leids in sich. Würden diese Augen, die ins Leere blicken, nicht die Tonnen der Melancholie und Trauer des Verlusts des Weltkrieges in sich tragen, wären sie nur Augen. Hätten diese Hände nicht im zerstörten und besetzten Land, was mal ein Zuhause war, nicht im Dreck gewühlt, nach irgendwas, was man essen kann, um nicht elendig zu verrecken, dann wären es einfach nur dreckige Hände.

Aber mit dieser Geschichte und dem Wissen über eben jene Geschichte ist das Bild wie ein Schlag ins Gesicht. All die Emotionen sind da, präsent, sie lassen dich fühlen, nachempfinden und ich musste schlucken und nochmal und nochmal, um nicht vielleicht doch mitten in diesem Museum loszuheulen.

Und genau das ist das Problem: Bilder müssen Geschichten erzählen. Bilder, die dich fühlen lassen, lassen dich fühlen, weil etwas passiert – und nicht nur inszeniert ist. Bilder vom nächsten Strand, von der nächsten Traumverlosung, von der nächsten “Ich war mal dick und schau mich an, wie schön ich jetzt bin und DU kannst das AUCH” – nichts davon ist mehr echt. Nichts davon sind Gefühle, die tief in uns verankert sind, die uns bewegen und menschlich machen.

Es ist Fake. Es ist poliert und glitzert und blendet dich: Und trotzdem ist es falsch. Einzigartige Dinge, Momente und Erlebnisse werden verfälscht, erfunden, poliert damit es anderen gefällt. Das Teilen von privaten Dingen genutzt, um Dinge, die privat erscheinen, zu erfinden, um sie öffentlich zu machen. 

Bild via @tanksinatra

Ich habe jeden Strand und jede Hochzeit gesehen – ich bin satt

Ich habe alles gesehen. Jedes noch so private Detail wurde in die Öffentlichkeit gezerrt und als die Realität nicht mehr glamourös genug war, wurde sie verändert, an ihr gezogen, sie verformt, neu gebaut, erfunden. Ich will das nicht mehr sehen. Ich will keine 20% auf Müsliriegel oder Shampoo kriegen, wenn Influencer dahinter einen mehreren Tausend-Euro-Deal abgeschlossen haben und das mit uns teilen WEIL WIR IHNEN SOOOOOO WICHTIG SIND, ich aber auf jedem Event höre, wie sie gehässig am Champagner nippen und schallend lachen erzählen, dass “mir meine Follower echt alles abkaufen, hihi, die LIEBEN mich”

Ich will anderen Content liefern, ich will Mehrwert und ich entmülle meinen kompletten, eigenen Instagram Account und schmeiße alles raus, was mich schlecht fühlen lässt. Was mich und meine Beziehung in Frage stellt (wieso streiten sich die anderen nie???? Wieso heiraten sie schon nach 8 Monaten?? Liebe ich falsch???), meinen Job oder mein Gehalt (wieso kann ich nicht jede Woche nach Bali reisen?????) oder mein Social Life (Woher hat sie 17 Brautjungfern?? Ich mag nichtmal die 17 Menschen auf dem ganzen Planeten INKLSUSIVE FAMILIE).

Und nein, das hat nichts damit zu tun, dass mein Selbstbewusstsein nicht gefestigt genug ist oder ich Instagram als Ansporn für meine GOALS sehen soll:

Das sind keine Goals. Das ist einfach nur Selbstbeweihräucherung und Verzerrung der Realität, denn auch wenn die ganzen Mädchen vielleicht ein Traumleben inszenieren, so haben sie trotzdem Kopfschmerzen, nasse Haare bei Regen oder verdammt nochmal Periodenkrämpfe.

9 Replies to “Liebe Influencer, euer scheiß Strand interessiert mich nicht mehr!”

  1. Ich verstehe den Argumentationsbogen nicht. Im ersten Teil geht es darum, dass Influencer ihr rares Geld für ein paar Stunden in einem Luxushotel ausgeben (wohl, weil sie sich eine ganze Woche dort nicht leisten können?), im letzten Teil wird dann angeprangert, dass 20% Rabatt-Codes nicht authentisch sind, wenn der Influencer damit Mega-Kohle verdient. Was ist jetzt die These? Influencer faken nur und haben gar nicht so viel Geld – oder Influencer tun so als wären ihre Follower ihnen wichtig, nur um fett abzukassieren?

  2. Perfekt! Toll.in Worte gefasst. Schade was aus Instagram geworden ist. Inzwischen scroll ich kaum noch durch, weil es mich so nervt.
    Und wenn ich dann auf einer Pressereise bin und gefragt werde wie viele Follower ich auf Ig habe und wie das Leben als Influencer ist, spätestens dann könnt ich kotzen. Zur Hölle mit der Plattform, mein Blog läuft über andere Plattformen & SEO. Aber das kapieren viele nicht, dass das ein gewaltiger Unterschied ist.
    Lg Sabrina

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